Abstract [en]:

This critical analysis of Pope Francis‘ encyclical Fratelli Tutti discuss the – on some points superficial – criticism of the globalised economic and financial system. In contrast, the author Ulrich Hemel emphasizes the vision of good living together formulated in the encyclical, which considers in particular persons who are hurt and vulnerable. As a response to that, the social market economy, as it is established in Germany, is linked to the demand for minimum social standards.

Keywords: Encyclical, Fratelli Tutti, social market economy, minimum social standards, financial system

Abstract [de]:

Diese kritische Auseinandersetzung mit der Enzyklika Fratelli Tutti von Papst Franziskus kommentiert die dortige, zum Teil oberflächige Kritik am globalisierten Wirtschafts- und Finanzsystem. Demgegenüber hebt Ulrich Hemel die in der Enzyklika formulierte Vision des guten Zusammenlebens, die insbesondere die Perspektive verletzter und verletzlicher Personen betont, hervor. Als Antwort wird die Soziale Marktwirtschaft, wie sie in Deutschland etabliert ist, mit der Forderung nach sozialen Mindeststandards von Unternehmen verknüpft.

Schlagwörter: Enzyklika, Fratelli Tutti, Soziale Marktwirtschaft, Soziale Mindeststandards, Finanzsystem


November 2020

Auf dem Weg zu einer inklusiven globalen Zivilgesellschaft – zu einigen wirtschaftlichen Aspekten in der Enzyklika Fratelli Tutti

Erschien ähnlich unter dem Titel Wirtschaftspolitische Aspekte der Enzyklika „Fratelli Tutti“. Friedensprojekt Marktwirtschaft in: Herder Korrespondenz 11/2020 S. 32-33, Essays

Inhalt

  1. Überzogen wirtschaftskritische Haltungen und die Kritik der Kritik
  2. Die Sozialpflicht des Eigentums und die Frage nach sozialen Mindeststandards
  3. Auf dem Weg zu einer inklusiven globalen Zivilgesellschaft: Bedenkenswerte Impulse aus der Enzyklika Fratelli Tutti
  4. Literatur

Mit seiner Enzyklika Fratelli Tutti, die im Deutschen am besten mit Wir sind alle Geschwister übersetzt wird, meldet sich der argentinische Papst Franziskus erneut zu drängenden Fragen der Zeit zu Wort. Er schreibt eine Sozialenzyklika in einem umfassend „katholischen“ Sinn, aber mit einem Verständnis des Katholischen, das im ursprünglichen Wortsinn von „katholikos“ weltumspannend, universell und inklusiv verstanden werden kann und soll. Dabei bezieht er sich ausdrücklich auf alle Menschen guten Willens, zitiert den Großimam Ahmad Al-Tayyab ebenso wie Franz von Assisi, Martin Luther King, Mahatma Gandhi und Desmond Tutu.

Wirtschaftspolitisch nimmt Franziskus eine kritische Haltung gegenüber unterschiedlichen Formen einer neoliberalen Denkweise ein. „Der Markt allein löst nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen dieses Dogma des neoliberalen Credos glaubhaft machen will“ (FT 168).

Nun ist eine kritische Haltung dann begrüßenswert, wenn sie hinreichend sachkundig und differenziert, also mit einer argumentativen Auseinandersetzung vorgebracht wird. Die Enzyklika Fratelli Tutti wird diesem Anspruch nicht gerecht, so dass es leichtfällt, sie in einem wirtschaftswissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Zusammenhang zu kritisieren. In verschiedenen Reaktionen deutschsprachiger Kommentatoren wurde die tatsächlich bestehende Schwäche des Textes in wirtschaftsrelevanten Passagen dann auch unmittelbar aufgegriffen. Ein Autor meinte sogar, die Enzyklika sein ein Grund, aus der Kirche auszutreten.

Richtig ist zwar, dass es eine Reihe pauschaler, recht grober, zum Teil unterkomplexer Sprachbilder in der Enzyklika gibt. Insgesamt ist die Enzyklika aber eher ein Grund, gegebenenfalls wieder in die Kirche einzutreten, denn sie formuliert das Bild einer solidarischen Welt, deren Wirtschaftsform sich am Gemeinwohlvorrang einer sozial gerechten Gestaltung von Politik orientiert. Es handelt sich also um eine Vision des gelingenden Lebens für allein einer globalen Zivilgesellschaft, von der sehr viele Menschen träumen. Und mit Recht greift Franziskus das Thema der menschlichen Verletzlichkeit auf. Er formuliert insbesondere anhand des Beispiels vom Barmherzigen Samariter, wie eine Verschränkung von solidarischem individuellem Handeln und des Vertrauens in förderliche Strukturen des Zusammenlebens Hand in Hand gehen können.

Ein Manko dieser Enzyklika wie auch anderer lehramtlicher Texte des gegenwärtigen Pontifikats ist leider fehlende Sachkunde in Fragen des Wirtschafts- und Finanzsystems (vgl. U. Hemel 2019, 61-76; U. Hemel 2020, 61-73). Es scheint, als seien fachkundige Berater und Beraterinnen auf diesem Gebiet im Vatikan Mangelware oder sie würden nicht gehört. Bedauerlich daran ist der Bumerang-Effekt: Denn dadurch wird berechtigter wie überzogener Kritik Tür und Tor geöffnet, so dass die allgemeine Wirkung auch dieser Enzyklika zu verpuffen droht, weil dem Papst Wirtschaftsferne oder gar Wirtschaftsfeindlichkeit und pure Kapitalismuskritik nachgesagt wird.

1. Überzogen wirtschaftskritische Haltungen und die Kritik der Kritik

Dass sich ein Religionsführer wie der Papst kritisch zu unangemessenen Ansprüchen und Verhaltensweisen aus der Wirtschaftswelt stellt, ist keine Überraschung. Mit pauschaler Herabsetzung ist allerdings niemand gedient, etwa wenn es heißt:

„Die örtlichen Konflikte und das Desinteresse für das Allgemeinwohl werden von der globalen Wirtschaft instrumentalisiert, um ein einziges kulturelles Modell durchzusetzen“ (FT 12). 

Wer ist in diesem Zusammenhang „die globale Wirtschaft“? Und wieso gelingt es den sozialethischen Beratern des Papstes nicht, zumindest darauf hinzuweisen, dass längst die Frage nach der gesellschaftlichen Legitimität von Unternehmen virulent geworden ist, der „Licence to operate“ oder des „Purpose“, also des Beitrags zur Erfüllung gesellschaftlicher Aufgaben?

Ein weiteres Beispiel:

„Die Welt bewegt sich unerbittlich auf eine Wirtschaft zu, welche mit Hilfe des technologischen Fortschritts die »menschlichen Kosten« zu verringern suchte, und mancher maßte sich an, uns glauben zu machen, die Freiheit des Markts würde ausreichen, um alles zu gewährleisten“ (FT 33).

Stimmt diese Aussage denn so? Gibt es nicht vielmehr eine täglich wachsende Bewegung von Menschen, auch in Unternehmen, die nach menschenfreundlichen, ökologisch und sozial verantwortlichen Formen des Wirtschaftens suchen? Gerade im Kontext der Gestaltung einer ökologisch verantworteten sozialen Marktwirtschaft wirken solche Statements zumindest krass überzogen. 

Die Sichtweise von Unternehmen wirkt daher bei Franziskus zumindest einseitig. Ihnen wird eine „Versessenheit“ unterstellt,

„die Kosten der Arbeit zu reduzieren, ohne sich der schwerwiegenden Konsequenzen bewusst zu werden, die eine solche Maßnahme auslöst; denn die entstandene Arbeitslosigkeit führt direkt zu einer zunehmenden Verbreitung der Armut“ (FT 20).

Nun gibt es genügend Beispiele für kaltherziges Unternehmerhandeln, aber ganz so Schwarz und Weiß wie in dieser Aussage ist auch die Unternehmenswelt längst nicht mehr. Zum einen gibt es in einigen Teilen der Welt wie in Deutschland nach wie vor einen Fachkräftemangel, so dass Automatisierung und Rationalisierung von allen Beteiligten befürwortet werden. Zweitens führt eine Senkung der Arbeitskosten nicht immer, aber immer wieder auch zu besserer Wettbewerbsfähigkeit und als Sekundäreffekt sogar zu mehr statt weniger Arbeitsplätzen. Drittens sind Beschäftigte längst nicht mehr nur „Kostenfaktor“, sondern eben auch ein Talentpool, so dass die Weiterentwicklung von Menschen und Organisationen im Sinn eines echten Talentmanagements ein gelebtes Anliegen vieler Unternehmen ist.

Besonders hart geht Franziskus mit der Finanzwirtschaft ins Gericht- obwohl das Finanzgebaren des Vatikans ja nun keineswegs über alle Zweifel erhaben ist. Selbstkritik ist Franziskus‘ Sache allerdings nicht. Bei ihm kommt die Finanzwirtschaft fast nur in der Form einer „skrupellosen Finanzspekulation“ (FT 52) oder als „Finanzspekulation mit billigem Gewinn“ (FT 168) zur Sprache, so als ob es eine Bewegung hin zu verantwortlicher Finanzwirtschaft (Responsible Finance) oder zu einem „Impact Investing“ mit der Suche nach u.a. positiven sozialen Folgen von Finanzanlagen nie gegeben hätte. Nur ein kleines Beispiel: Die Afos-Stiftung, die entwicklungspolitische Tochter des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), unterstützt in Nigeria eine Micro-Insurance-Initiative, bei der Kleinbauern sich gegen die massiven Folgen eines Ernteausfalls versichern können. Das verbessert Lebensverhältnisse, ist aber als klassisches Instrument der Finanzabsicherung mit einer Zukunftserwartung, also technisch gesehen einer „Spekulation“ verbunden: Nur ist diese in höchstem Maße verantwortlich und gerade nicht „skrupellos“. Dass Franziskus solche Initiativen weder kennt noch benennt, ist zumindest bedauerlich und lässt sich nur als interpretative Fehlleistung bewerten.

Themen der neuen Digitalwirtschaft stellt Franzskus unter einen Generalverdacht. Digitale Kommunikation wird unter der Überschrift „Die Täuschung der Kommunikation“ eingeführt (FT 42-43). Auch wer wie der Papst die Gefahren der digitalen Welt sieht (vgl. U. Hemel 2020), wird eine solche einseitige Betrachtung als unterkomplex wahrnehmen. Wenn die Corona-Pandemie dem Papst als Beleg für das Versagen eines eher individualistischen, neoliberalen Wirtschaftsmodells gilt, so sollte der Blick doch auch auf die neuen und insgesamt positiven Möglichkeiten der Kommunikation und Arbeitsteilung in der rasant explodierenden Digitalwirtschaft gerichtet werden. 

Die größte Aufregung gab es aber zur Nennung von „Populismus und Liberalismus“ in einem Atemzug (FT 155). Benannt wird vom Papst lediglich eine extrem individualistische Form des Liberalismus, die allenfalls eine der vielen Spielarten liberalen politischen Denkens repräsentiert (FT 163).

2. Die Sozialpflicht des Eigentums und die Frage nach sozialen Mindeststandards

Bei der Frage des Eigentums zitiert Franziskus jene Auffassungen, die es als Raub an den Armen betrachten (FT 119). Die Dynamik der Schaffung von Wohlstand wird dadurch allerdings nicht hinreichend erfasst, denn häufig wird nicht nur ein Kuchen verteilt, sondern ein größerer Kuchen gebacken. Sinnvoller wäre es, die Frage nach sozialen Mindeststandards zu stellen, die Franziskus aber nicht ausdrücklich erwähnt.

Im gleichen Zusammenhang betont Franziskus: „Das Recht auf Privateigentum kann nur als ein sekundäres Naturrecht betrachtet werden“ (FT 120). Das ist zwar spitz ausgedrückt, entspricht aber dem Sinn nach der in Deutschland mit Art. 14 GG längst allgemein anerkannten Sozialpflicht des Eigentums. Es ist ausgesprochen schade, dass dem Papst das Modell der sozialen Marktwirtschaft offenbar nicht vertraut ist. Hier geht es um die Suche nach der besten Lösung im freien Wettbewerb, aber unter Beachtung der oben genannten sozialen Mindeststandards.

„Das Recht einiger auf Unternehmens- und Marktfreiheit kann nicht über den Rechten der Völker und der Würde der Armen stehen und auch nicht über der Achtung für die Schöpfung“ (FT 122).

Ein solcher Satz ist in Deutschland weithin unstrittig, aber das gilt bei weitem nicht weltweit.

Mit Blick auf die christliche Soziallehre wiederholt Franziskus aber auch eine positive Einschätzung sinnvoller unternehmerischer Tätigkeit aus „Laudato Sii“ (LS 129), nämlich „die Unternehmertätigkeit“ als eine „edle Berufung“ zur Schaffung von Wohlstand, zur „Förderung wirtschaftlicher und technologischer Fähigkeiten“, zur „Entwicklung anderer Menschen“ und zur „Überwindung der Armut“ insbesondere durch die Schaffung von Arbeitsplätzen (FT 123). Die Weltvereinigung christlicher Unternehmerverbände UNIAPAC hat ebenso wieder der deutsche „Bund Katholischer Unternehmer“ diese Vision ausdrücklich aufgenommen und strebt danach, sie in einer Verbindung von Werteorientierung und Innovationsfähigkeit zu entfalten.

3. Auf dem Weg zu einer inklusiven globalen Zivilgesellschaft: Bedenkenswerte Impulse aus der Enzyklika Fratelli Tutti

„Es ist möglich, einen Planeten zu wünschen, der allen Menschen Land, Heimat und Arbeit bietet“ (FT 127). Franziskus spricht von der bislang nicht erreichten „Globalisierung der Menschenrechte“ (FT 189) und spricht sich immer wieder für einen Vorrang einer am Gemeinwohl orientierten politischen Macht vor wirtschaftlicher Macht aus (FT 172 und 177): „Eine gute Politik vereint die Liebe mit der Hoffnung, mit dem Vertrauen auf die Vorräte an Gutem, die sich trotz allem im Herzen der Menschen befinden“ (FT 196). Seine Mahnung zum gesellschaftlichen Dialog und zur sozialen Freundschaft, zu einer Kultur der Begegnung (FT 215), seine deutliche Ächtung von Krieg und von Todesstrafe (FT 255-270), sein Bekenntnis zur internationalen Zusammenarbeit auch auf der Ebene der UN (FT 257), sein wiederholtes und glaubwürdiges Eintreten für eine Sichtweise aus der Logik der Opfer, der Verletzten, der Schwachen: das sind Impulse, die aufgenommen zu werden verdienen, auch in wirtschaftlichen Kontexten und mit Blick auf die Verantwortung von Unternehmen. 

Mit einer Neuentdeckung der Sozialen Marktwirtschaft als einem umfassenden Friedensprojekt inklusive der Garantie sozialer Mindeststandards haben wir das Rüstzeug, um eine solche Form des Wirtschaftens umfassend zu realisieren. Hier sollten wir unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Dann kann und sollte sogar der Papst dazu lernen: dass nämlich menschenfreundliches Wirtschaften in einem solchen Kontext gelingen kann und dem umfassenden Wohl der beteiligten Menschen dient. Auch in Gestalt von werteorientiert geführten Unternehmen. Denn eine christlich inspirierte Führung von Unternehmen kann durchaus eine wertvolle Aufgabe der Weltgestaltung oder- wie Franziskus sagt- eine „edle Berufung“ (FT 123) sein.

4. Literatur

Christopher Gohl, Ulrich Hemel, Nils Goldschmidt, Jeffrey Sachs: Soziale Marktwirtschaft als internationales Friedensprojekt. FAZ 23.12.2019, S. 18.

Reiner Hank: Aus der Kirche austreten? Die Kapitalismuskritik von Papst Franziskus wäre ein Grund dafür, FAS (Onlineausgabe) 11.10.2020.

Ulrich Hemel: Wirtschafts- und weltvergessen? Einige Anmerkungen zu „Veritatis Gaudium“ aus philosophischer und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive. In: Annette Schavan (Hrsg.), Relevante Theologie, „Veritatis Gaudium“- die kulturelle Revolution von Papst Franziskus. Ostfildern: Grünewald/Patmos 2019, 61-76.

Ulrich Hemel: Das globale Finanzsystem zwischen Ethik, Recht und Markt, eine Kritik des vatikanischen Finanzmarktdokuments vom 17.Mai 2018. In: Theologie der Gegenwart 63 (1) 2020, 61-73.

Ulrich Hemel: Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanität der Maßstab sein muss. Freiburg/Br. 2020.

Johannes Pennekamp: Armut für alle? FAZ 10.Oktober 2020, Nr.236.


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Posted by Ulrich Hemel