Wirtschaft

Wirtschaftsethik im Kontext globaler Zivilgesellschaft

Das Institut für Sozialstrategie versteht Wirtschaften als zweckgerichtetes Handeln unter der Bedingung von Knappheit. Dieser Wirtschaftsbegriff geht über Engführungen hinaus, die Wirtschaften ausschließlich mit Geldgrößen in Verbindung bringen. Wirtschaftliches Handeln zielt auf das Decken von Bedürfnissen und Bedarfen, etwa dem Bedarf nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Mobilität, Kommunikation und vielem mehr.

Unser Menschenbild

Das IfS geht von einem Menschenbild aus, das sowohl den Wettbewerb wie die Kooperation als wesentliche Triebfedern menschlicher Existenz anerkannt und diese auf den in jedem Menschen wirksamen Wunsch zurückführt, sich von anderen zu unterscheiden („Wettbewerb“), aber auch zu einer bestimmten Gemeinschaft (Familie, Schule, Unternehmen, Kultur) dazuzugehören („Kooperation“). Das Institut wendet sich somit gegen einseitige Übersteigerungen des Wettbewerbsgedankens eben so wie gegen Übertreibungen des Kooperationszwangs.

Anthropologie einer globalisierten Weltwirtschaft

Aus dem Grundgedanken der globalen Zivilgesellschaft heraus versteht das IfS Unternehmen als Akteure der regionalen oder der globalen Zivilgesellschaft, die sich durch ihren historisch gewachsenen Wertekorridor auszeichnen, in dessen Rahmen sie ihre unternehmerischen Ziele verfolgen. Das Institut für Sozialstrategie sieht in der Globalisierung die Chance zum Austausch von Ideen, Gütern und Dienstleistungen, aber auch die Möglichkeit zur Migration und Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Ohne die Gefahren einseitiger Machtverhältnisse und einer zerstörerischen Wirkung der zusammenwachsenden Weltwirtschaft zu verkennen, sucht das Institut für Sozialstrategie nach Beispielen, Formen und Wegen wirtschaftlichen Erfolgs, die mit der Beachtung zentraler menschlicher Werte, insbesondere der Achtung bestehender Sprachen und Kulturen sowie dem Respekt vor dem einzelnen Menschen verbunden sind. Wirtschaftliches Handeln steht damit trotz zahlreicher Negativ-Erfahrungen grundsätzlich unter dem Leitmotiv der konkreten Entfaltung von Menschenwürde mit dem Ziel eines guten Lebens.


Weltwirtschaft, global Governance und globale Zivilgesellschaft

Die Trias Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bilden den Rahmen einer jeden modernen bürgerlichen Gemeinschaft. Wie bei einem gleichschenkligen Dreieck sind alle drei Seiten gleichermaßen von Bedeutung und stehen jeweils zueinander in Beziehung. Dieses Bild lässt sich eingeschränkt auch auf die globale Ebene übertragen, da die Globalisierung eines „Schenkels“ die anderen Bereiche mitzieht. Allerdings ist das Verhältnis der drei Teilgebiete auf globaler Ebene komplexer gestaltet. Dies liegt unter anderem am Fehlen einer globalen Regierung und der überproportionalen Bedeutung der wirtschaftlichen Globalisierung. Angesichts des wachsenden Einflusses von grenzüberschreitenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteuren oder der Zunahme von globalen Problemen ist sowohl das traditionelle Staatensystem als Ganzes als auch der einzelne Nationalstaat mit der Schaffung eines Ordnungsrahmens immer öfter überfordert. In der Folge wird dies zunehmend von wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Akteuren übernommen. Gerade in der Wirtschaft zeigt sich derzeit ein diesbezüglicher Trend.

Ein prominentes Beispiel dafür ist der „United Nations Global Compact“. Diese Initiative wurde bereits 1999 von Kofi Anan ins Leben gerufen. Zentral ist hier, dass durch die Selbstverpflichtung interessierter Unternehmen zu den zehn Prinzipien des Global Compacts aus den Bereichen ‚Menschenrechte‘, ‚Anti-Korruption‘ und ‚Arbeitsumfeld ein Ordnungsrahmen bzw. Orientierungsrahmen für transnational agierende Unternehmen geschaffen wird, der nicht auf staatlicher Ebene durchgesetzt werden kann.

Wie gestaltet sich also die Rolle der Unternehmen im globalen Gestaltungsprozess? Welche soziale Verantwortung müssen sie tragen und was geht zu weit? Gibt es, und wenn ja welche, globale wirtschaftliche Mindeststandards? Welche Rolle spielen kulturelle Unterschiede? Wie sind diese durchzusetzen? Welche konkreten Handlungsanleitungen lassen sich daraus ableiten?

(Stand: August 2010)

Ansprechpartner

Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel


Arbeitskreis „Habituelle Unternehmensethik“

Nike und Kinderarbeit, Lidl und Mitarbeiterrechte, Nokia und Bochum, Enron, BP. Die Skandale in der Unternehmenswelt geben immer wieder neu Anlass, die Frage nach der Verantwortung und den moralischen Pflichten von Unternehmen zu stellen.
In diesem Zusammenhang wächst das Bedürfnis nach einer ausformulierten Unternehmensethik: Wie lassen sich Moral und Gewinnstreben vereinbaren? Können Unternehmen überhaupt als moralische Akteure betrachtet werden oder ist –frei nach Friedman – ihre einzige gesellschaftliche Verantwortung die Gewinnmaximierung?

Das IfS fasst Unternehmen als Akteure der Zivilgesellschaft auf und möchte einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen leisten. Deshalb hat es gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover den Arbeitskreis Habituelle Unternehmensethik ins Leben gerufen. Der Arbeitskreis setzt sich aus Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen (Philosophie, Wirtschaft, Theologie, Soziologie und Politologie) zusammen und fragt nach einem gemeinsamen Fundament für eine Unternehmensethik.
Durch den Begriff des Habitus kommt dann sowohl die einzelne Person, die im Unternehmen handelt, wie das Unternehmen als „juristische Person“ und Träger einer kollektiven Wertelandschaft in den Blick. Durch den Blick auf die individuelle und die systemische („juristische“) Person werden deren Handlungsstrukturen und Beweggründe im Sinn einer inneren Haltung (dem Habitus) offengelegt, und es können bereits bestehende, systemorientierte Ansätze weiterentwickelt werden.
Denn es wird die Basis eines jeden Systems hinterfragt: die Handlungsqualität und die inkorporierten Werte des einzelnen Akteurs wie auch die eines Unternehmens als Wertesystem einer juristischen Person sowie letztlich der gesamten Wirtschaftswelt.

Die Beiträge der Arbeitskreis-Mitglieder werden in einem Sammelband zusammengetragen, der die wissenschaftliche Diskussion zu diesem Thema weiter anregen soll. Die Veröffentlichung soll noch in diesem Jahr erfolgen.


„Global Compact“ – Symposium des IfS im Februar 2010

In Zusammenarbeit mit dem Ethikzentrum der Universität Jena veranstaltete das IfS am 11.-12. Februar 2010 ein Symposium mit dem Titel „Global Compact – geht es auch konkreter? – Chancen und Risiken strategischer Unternehmensethik in kleinen und mittleren Unternehmen“.

Ziel der Veranstaltung war die Konkretisierung der Zielvorstellungen des „Global Compact“, einer Selbstverpflichtung von Unternehmen auf ethische Prinzipien, die der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan ins Leben gerufen hatte; konkrete Maßnahmen sind z.B. Ethikkommissionen in großen Unternehmen.

In den verschiedenen Beiträgen zur Veranstaltung wurden mitunter sehr unkonventionelle Perspektiven vorgestellt und die unterschiedlichen Facetten globaler Unternehmens- bzw. Wirtschaftsethik beleuchtet: In seinem Betrag Menschenwürde und Unternehmertum – Ethik in kleineren und mittleren Betrieben ging es Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel, Gründer und Direktors des Instituts für Sozialstrategie und Vorstandsvorsitzender des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover (FIPH), darum eine inhaltliche Begründung der Unternehmensethik auf der Grundlage des „humanen Kerns“ funktionaler Interaktionen und damit letztlich in der Menschenwürde ins Gespräch zu bringen. Dr. Baldur Kirchner, freier Dozent für Persönlichkeitsbildung und Chef des Seminarhauses in Ettenbeuren referierte über die Spiritualität von Managern Spiritualität in der unternehmerischen Führungsaufgabe. Prof. Nikolaus Knoeppler vom Ethikzentrum der Universität Jena stellte sich die Frage nach „Anwendbare[n] Regeln für ‚Global Players‘?“  Prof. Dr. Jürgen Manemann, Direktor des FIPH, hielt einen Vortrag mit dem Titel: „Habitus und Risiko: Unternehmensethik aus der Sicht der praktischen Philosophie.“

Die in der anschließenden Diskussion entstandenen Ergebnisse der Tagung könne folgendermaßen zusammengefasst werden:

  • Für kleinere und mittlere Unternehmen wird die Unternehmensethik überwiegend durch die Person des Inhabers oder Geschäftsführers geprägt, mit allen Vor- und Nachteilen.
  • Für alle Unternehmen empfiehlt sich eine strukturelle Einbindung ethischer Fragen in die Wertschöpfungs- und Lieferkette, etwa für Themen wie Gesundheit, Arbeitsschutz und Verhaltensstandards auch bei Lieferanten.
  • Entscheidend für die Durchsetzung von Wertschöpfungspartnerschaften wird das Verbraucherverhalten sein, das die mit großer Mühe ausgearbeiteten Fairness-Label auch nachfragt, so z.B. Fair Trade, FSC, MSC, Fair Stone und viele mehr.
  • Zumindest für größere Unternehmen empfiehlt sich die Einrichtung einer Ethik-Kommission, die aktuelle Konfliktfälle bearbeitet, aber auch über Dilemmata im Vorfeld einer Entscheidung beraten soll, um dazu Empfehlungen abzugeben.

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